In der aktuellen Ausgabe von „Bellerive on Air“ analysiert Dr. Thomas Steinemann die bemerkenswerte Robustheit der globalen Aktienmärkte trotz geopolitischer Spannungen. Aus seiner Sicht haben sich die Börsen nicht vollständig von der Realität abgekoppelt, sondern preisen bereits ein, dass Konflikte, Inflation und mögliche Belastungen der Unternehmensgewinne eher vorübergehender Natur bleiben. Die Nervosität sei zwar erhöht und geopolitische Risiken blieben Störfaktoren, von einer euphorischen Übertreibung an den Aktienmärkten könne jedoch nicht gesprochen werden. Auffällig sei vielmehr, dass die positive Entwicklung relativ breit abgestützt sei – mit Ausnahme einzelner Softwaretitel, die unter der Erwartung leiden, künstliche Intelligenz könne klassische Softwareentwicklung teilweise ersetzen.
Ein zentrales Thema der Folge ist der KI-Investitionszyklus. Steinemann sieht in künstlicher Intelligenz nicht nur einen kurzfristigen Börsentrend, sondern eine Entwicklung von industrieller Tragweite. Zwar seien die Bewertungen vieler grosser Technologietitel inzwischen hoch, der entscheidende Unterschied zur Internetblase um das Jahr 2000 liege jedoch darin, dass die heutigen Hyperscaler bereits enorme Gewinne erzielen. Zugleich betont er, dass der KI-Boom weit über den Technologiesektor hinauswirkt: Auch Bauwirtschaft, Zement, Holz, Energie- und Infrastrukturanbieter profitieren vom massiven Ausbau neuer Rechenzentren. Kurzfristig könne diese Investitionswelle sogar inflationär wirken, weil sehr viel Kapital in physische Infrastruktur fliesst; mittel- bis langfristig hält Steinemann den KI-Effekt jedoch eher für deflationär, sobald die produktivitätssteigernden Systeme installiert sind.
Im geldpolitischen Teil richtet sich der Blick erneut auf Inflation, Ölpreis und Anleihemärkte. Steinemann führt die jüngsten Inflationsimpulse vor allem auf den höheren Ölpreis zurück und verweist darauf, dass auch Produzentenpreise und Staatsanleiherenditen entsprechend reagieren. Bei einem angebotsgetriebenen Preisschub sei es aus seiner Sicht jedoch nicht zwingend sinnvoll, mit höheren Zinsen zu reagieren, weil die Ursache nicht in einer überhitzten Nachfrage liege. Gerade bei der Europäischen Zentralbank sieht er dennoch das Risiko einer eher psychologisch motivierten Zinserhöhung, um nicht erneut den Eindruck zu erwecken, zu spät zu handeln. Für die Schweiz erwartet er dagegen wenig Bewegung: Der starke Franken helfe bei der Inflationskontrolle, die Zinsen blieben tief, und die Schweiz bewege sich geldpolitisch weiterhin in einer vergleichsweise komfortablen Lage.
Auch die US-Notenbank wird in der Folge ausführlich eingeordnet. Steinemann geht davon aus, dass die Federal Reserve trotz politischer Angriffe pragmatisch und datengetrieben bleiben wird. Öffentlicher Druck aus der Politik sei für einen Notenbankchef weniger gefährlich als Druck hinter verschlossenen Türen, weil die institutionelle Unabhängigkeit in der Öffentlichkeit leichter verteidigt werden könne. Entscheidend sei zudem das Korrektiv des Anleihemarktes: Würde die Notenbank bei tatsächlich ausser Kontrolle geratender Inflation nicht handeln, würden steigende Bondrenditen den Druck automatisch erhöhen. Die bisherige Arbeit der Fed beurteilt Steinemann insgesamt positiv und unaufgeregt; Zentralbankchefs sollten aus seiner Sicht keine Popstars sein, sondern verlässlich und nüchtern agieren.
Für die Schweiz sieht Steinemann ein rauer werdendes wirtschafts- und handelspolitisches Umfeld. Nicht nur die USA, sondern auch die EU greife zunehmend zu protektionistischen Mitteln, was kleinere Länder wie die Schweiz besonders treffen könne. Kritisch diskutiert wird zudem die Pharmathematik: Sollten internationale Preisangleichungen dazu führen, dass Medikamentenpreise in der Schweiz steigen, hätte dies spürbare Folgen für das Krankenkassensystem. Gleichzeitig verweist Steinemann auf weiterhin starke Schweizer Unternehmen in spezialisierten Industrien und Zulieferbereichen, etwa in der Halbleiter-, Gebäudeautomations- oder Industrietechnologie. Übergeordnet sieht er die Welt weniger multipolar, sondern zunehmend bipolar geprägt – mit den USA und China als dominierenden Kräften im Wettlauf um Technologie, Geostrategie und industrielle Vorherrschaft.
Zum Schluss geht es um Gold und den Ausblick nach der Sommerpause. Die jüngste Korrektur beim Goldpreis wertet Steinemann nicht als Zeichen einer grundlegend sichereren Welt, sondern als normale Gegenbewegung nach einem aussergewöhnlich starken Anstieg, der auch durch Käufe von Zentralbanken getragen wurde. Für westliche Notenbanken sei Gold geldpolitisch nur begrenzt relevant, weil es im praktischen Instrumentenkasten einer Zentralbank weniger flexibel einsetzbar sei als andere Reserven. Für die kommenden Monate bleibt Steinemann konstruktiv für Aktien: Die globale Liquidität steige weiter, die US-Wirtschaft laufe robust, und wichtige Konjunkturindikatoren sprächen trotz geopolitischer Risiken für einen grundsätzlich positiven Trend. Unerwartete Spannungen könnten jederzeit stören, doch das Grundbild bleibt aus seiner Sicht freundlich.
«Bellerive on Air» ist ein Finanzpodcast für die Kundinnen und Kunden der Privatbank Bellerive AG. Chief Investment Officer Dr. Thomas Steinemann kommentiert in einem rund 15-minütigen Gespräch rund sechs Mal pro Jahr das globale Finanz- und Wirtschaftsgeschehen sowie ausgewählte Anlagethemen.
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