In der aktuellen Ausgabe von „Bellerive on Air“ analysiert Dr. Thomas Steinemann die wirtschaftlichen Folgen der Eskalation im Nahen Osten und des erneuten Anstiegs des Ölpreises auf über 100 Dollar pro Fass. Er betont, dass der Ölpreis derzeit stark von Erwartungen und geopolitischen Schlagzeilen getrieben wird, während die reale Versorgungslage differenzierter zu beurteilen sei. Trotz der angespannten Lage rund um die Strasse von Hormus hätten die Finanzmärkte bisher vergleichsweise stabil reagiert, auch weil alternative Transportwege und Lagerbestände einen Teil des Risikos abfedern.
Ein zentrales Thema ist der Zusammenhang zwischen Ölpreis, Inflation und Geldpolitik. Steinemann erläutert, dass teureres Öl nicht nur Treibstoffe verteuert, sondern als Vorprodukt in zahlreichen Industrien und Verpackungen die Kostenbasis der Unternehmen erhöht und damit Margen wie Kaufkraft belastet. Entscheidend sei die Dauer des Preisschubs: Kurzfristige Ausschläge seien verkraftbar, eine länger anhaltende Phase erhöhter Ölpreise würde jedoch die Inflationsdynamik und das Rezessionsrisiko erhöhen. Gleichzeitig argumentiert er, dass Zentralbanken bei angebotsgetriebener Inflation nicht reflexhaft restriktiver werden sollten; vielmehr bleibe der grundsätzliche Zinssenkungspfad aus seiner Sicht intakt, sofern sich der Ölpreisschock nicht verfestigt.
Für die Schweiz erwartet er vorerst keine Rückkehr zu Negativzinsen. Die Inflation bleibe hierzulande tief, die Schweizerische Nationalbank dürfte am Nullzins festhalten und negative Sätze nur als Ultima Ratio in Betracht ziehen. Beim Dollar konstatiert Steinemann eine bemerkenswerte Gegenbewegung zum Vorjahr: Der US-Dollar habe zuletzt aufgewertet, was den Druck vom Schweizer Franken nehme und damit für Schweizer Wirtschaft und Nationalbank eher entlastend wirke. Zugleich geht er davon aus, dass auch ein personeller Wechsel an der Spitze der US-Notenbank nichts an deren institutioneller Unabhängigkeit ändern werde; Marktmechanismen würden eine allzu politische Geldpolitik rasch korrigieren.
Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf alternative Anlageklassen. Die jüngste Schwäche bei Gold wertet Steinemann nicht als strukturellen Bruch, sondern vor allem als nachvollziehbare Korrektur nach einer aussergewöhnlich starken Rally; strategisch hält er eine Goldquote von grob fünf bis neun Prozent weiterhin für sinnvoll. Deutlich skeptischer äussert er sich zum Bitcoin: Kryptowährungen seien kein defensiver Schutz in Krisenphasen, sondern verhielten sich eher wie andere risikoreiche Anlageklassen, insbesondere Technologietitel. Wer in Krypto investiere, solle dies daher nicht als Absicherung, sondern als bewusste Risikoerhöhung verstehen.
Für die kommenden Monate plädiert er trotz der Unsicherheit im Nahen Osten gegen hektische Portfolio-Umschichtungen. Niemand wisse, wie sich der Konflikt weiterentwickle; der wichtigere übergeordnete Treiber für die Finanzmärkte bleibe die globale Liquidität, die nach seiner Einschätzung weiterhin steigt. Beruhigt sich die geopolitische Lage, sieht er deshalb Potenzial für eine positive Entwicklung an den Aktienmärkten. Staatliche Eingriffe zur Dämpfung hoher Energiepreise beurteilt er dagegen kritisch, weil Preise auch eine wichtige Signalwirkung für Knappheit und Substitution haben.
«Bellerive on Air» ist ein Finanzpodcast für die Kundinnen und Kunden der Privatbank Bellerive AG. Chief Investment Officer Dr. Thomas Steinemann kommentiert in einem rund 15-minütigen Gespräch rund sechs Mal pro Jahr das globale Finanz- und Wirtschaftsgeschehen sowie ausgewählte Anlagethemen.
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